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Stiftung Hopp-la

Lesedauer ca. 8 Min.

Wie integrieren die Japanerinnen und Japaner ältere Menschen in Bewegungs- und Betreungsprojekte?

Intergenerationelle Betreuung im institutionellen Kontext in Japan

Wie integrieren die Japanerinnen und Japaner ältere Menschen in Bewegungs- und Betreungsprojekte?

Die Etnologin Samira Hüsler hat im Rahmen ihrer Forschung Betreuungseinrichtungen in Japan besucht. Im Interview gibt sie Einblicke, wie durch Offenheit neue Begegnungsmöglichkeiten im Alltag entstehen und welche Unterschiede zwischen Japan und der Schweiz sie bei intergenerationellen Projekten zu Tage förderte.

Dieses Interview basiert auf dem Blogeintrag von Intergeneration: Intergenerationelle Betreuung in Japan Gemeinschaft und Offenheit. Für die Stiftung Hopp-la wurde eine eigene Version des Interviews erstellt.
 

Warum vergleichst du Japan und die Schweiz?
Mein Interesse für intergenerationelle Ansätze begann 2018 während meiner Masterarbeit. 2019 lebte ich mehrere Monate in Japan in Einrichtungen, die generationenübergreifende oder inklusive Betreuungsformen praktizieren. Später stellte ich fest, dass es in der Schweiz ebenfalls Projekte gibt, die ähnliche Grundideen verfolgen, wenn auch unter anderen Rahmenbedingungen. Seit 2024 besuche ich im Rahmen meiner Doktorarbeit systematisch Einrichtungen in beiden Ländern. Dabei interessiert mich weniger ein direkter Ländervergleich als die Analyse einzelner Fallbeispiele.
 

Wie lassen sich die in Japan beobachteten institutionellen Modelle beschreiben?
In Japan existiert kein institutionell definierter Begriff für „intergenerationelle Betreuung“. Dennoch entstehen vielfältige Formen, in denen unterschiedliche Alters- und Personengruppen zusammengeführt werden. Drei exemplarische Einrichtungen, die ich im Rahmen meiner Feldforschung 2024 besucht habe, verdeutlichen die Spannbreite:

a) Mehrzweck-Komplex mit offener Bauweise: Diese Einrichtung vereinte eine Kindertagesstätte, ein Altersheim, Angebote für Menschen mit Behinderungen und ein öffentlich zugängliches Restaurant unter einem organisatorischen Träger. Ein zentraler, offen gestalteter Aussenraum mit Tieren verband die einzelnen Bereiche. Dadurch dass der Garten, Räumlichkeiten und das Restaurant auch Gästen offenstanden, wurde der Einbezug der Nachbarschaft gefördert. 


b) Eine intermediäre Struktur als Bindeglied der Nachbarschaft: Ein wichtiger Bestandteil der intermediären Strukturen in Japan sind die shōkibo takinō‑gata kyotaku kaigo - eine Form der kleinräumigen, multifunktionalen häuslichen Pflege, die ambulante Pflegeleistungen, Kurzaufenthalte und Tagesstruktur vereint. Ein solche Einrichtung erweiterte bewusst ihr Angebot für Angestellte und die Nachbarschaft: Mitarbeitende konnten ihre Kinder mitbringen, Nebenzimmer standen Kindern aus der Umgebung zum Spielen oder Hausaufgaben machen zur Verfügung, und Rückmeldungen von Anwohnenden flossen regelmässig in den Alltag ein.

c) Ein inklusiver Ansatz in einer Tagesstruktur: In einer Tagesstruktur wurden ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und Kinder gemeinsam in denselben Räumen betreut. Die Ausbildung des Personals war natürlich unterschiedlich, aber die Betreuung aller Gruppen fand in den gleichen Räumen statt. Dadurch verbrachten diese sozialen Gruppen jeden Tag zusammen und konnten jederzeit miteinander interagieren.

Was auffällt: bei allen drei Ansätzen wurden ältere Menschen und Kinder im gleichen Umfeld miteinbezogen. Gibt es in Japan auch intergenerative Aktivitäten mit Senior:innen und Kindern bei denen die Bewegung und somit auch Begegnungen zwischen den Generationen stattfinden so wie dies Hopp-la in der Schweiz fördert?



Wie reagieren die verschiedenen sozialen Gruppen auf die genannten intergenerationelle Angebote?
Viele ältere Nutzende — sowie ihre Angehörigen — entscheiden sich bewusst für Einrichtungen, in denen mehrere Generationen präsent sind. Häufig wird beschrieben, dass der Alltag dadurch vielfältiger wirkt und weniger routinisiert erscheint. Natürlich gibt es auch ältere Menschen, die daran nicht interessiert sind; diese beziehen diese Angebote häufig nicht. 
Eltern und Betreuungspersonen berichten, dass Kinder in solchen Umgebungen früh lernen, selbstverständlich mit älteren Menschen umzugehen. Fachpersonen wiesen in Interviews darauf hin, dass intergenerationelle Betreuung bestimmte Vorstellungen bzw. Vorurteile über Alters- oder Kinderbetreuung herausfordert. Viele Beobachtungen deuten darauf hin, dass insbesondere Senior:innen und Menschen mit Demenz positiv auf spontane soziale Interaktionen reagieren. Wichtig ist die Freiwilligkeit: Begegnungen werden ermöglicht, aber nicht eingefordert.
 

Wie sind diese Einrichtungen in ihre jeweiligen lokalen Kontexte eingebettet?
In vielen Fällen sind die Einrichtungen nicht nur auf eine Zielgruppe ausgerichtet, sondern Teil einer breiteren sozialen Infrastruktur, die ebenfalls auf die Bedürfnisse der Nachbarschaft eingeht. Ein Beispiel ist ein Areal, dass neben Betreuungsangeboten für Alt und Jung, eine öffentliche Wäscherei und ein Café integrierte. Gerade Wäschereien sind in Japan weitverbreitet und werden rege in Anspruch genommen. Solche Angebote  erzeugen alltägliche Schnittstellen zwischen institutioneller Betreuung und Quartierleben. Gemeinsam ist den beobachteten Beispielen, dass sie bewusst mehr als reine Betreuungsorte sein wollen. Sie verstehen sich als Einrichtungen, die ihre soziale Rolle innerhalb der Umgebung aktiv reflektieren und ausgestalten. 


Gab es Projekte ausserhalb der genannten Betreuungseinrichtungen, die ebenfalls intergenerationelle Elemente aufwiesen?
Ja. Während eines Forschungsaufenthalts in Ōfunato, einer Stadt im Nordosten Japans, entstand 2011 nach der Tsunamikatastrophe ein offener Nachbarschaftstreff. Der Ort wurde von Einwohnenden — darunter vielen Kindern — gemeinsam gestaltet und wird bis heute weiter gepflegt. Er dient vor allem als informeller Sozialraum, wo zwar Nachbarschaftstreffen stattfinden, aber primär für und mit Kindern konzipiert wurde. Letzteres merkt man an der farbenfrohen Gestaltung.  
In einer anderen eher südöstlichen Region, die stark von Abwanderung betroffen ist, entwickelte eine ursprünglich rein altersorientierte Einrichtung ihr Konzept weiter - mittlerweile werden auch Tagesstrukturen für Kinder angeboten. Die Angebote wurden räumlich auf verschiedene Standorte verteilt, sodass mehrere kleine Betreuungspunkte entstanden. Ergänzend findet monatlich ein gemeinschaftlicher Abend für das ganze Dorf statt, der unterschiedliche Bevölkerungsgruppen anzieht. Am Anfang des Abends kommen vor allem ältere Menschen zum Abendessen, nach und nach kommen auch jüngere Menschen oder Familien. Nach einer bestimmten Uhrzeit verwandelt sich das Restaurant in eine Bar. Es wird zusammen gegessen, getrunken, geredet - Kinder werden von allen umsorgt und ältere Menschen aktiv in Gespräche integriert. Diese Formate unterstützen den Austausch und wirken Einsamkeit entgegen.


Wie sind solche Modelle systemisch in Japan zu verortet?
Das japanische Pflegesystem basiert auf klar abgegrenzten Leistungsarten. Angebote für ältere Menschen und Angebote für Kinder sind strukturell voneinander getrennt. Intergenerationelle oder integrative Modelle passen daher nicht ohne Weiteres in die bestehenden Kategorien und müssen sich häufig innerhalb bestehender Rahmenbedingungen arrangieren. Gerade intergenerationelle Einrichtungen entstehen ausgehend von der Motivation von Privatpersonen.


Gab es Situationen, die deinen Blick besonders geprägt haben?
Ja. In einer Einrichtung, die ältere Menschen und Kinder gemeinsam in einem Raum betreute, nahm ich an einer Aktivität in der Nachbarschaft teil, bei der ein Baum gefällt werden musste. Mehrere ältere Männer, die früher in landwirtschaftlichen oder handwerklichen Berufen tätig waren, gaben Anleitungen, unterstützten die Arbeiten und brachten ihr Wissen ein. Weitere unterhielten sich mit jungen Familien und konnten Eltern kurzzeitig unterstützen, indem sie ihnen die Kinder ein paar Minuten abnahmen und die Eltern so ruhig zu Mittag essen konnten. Andere bereiteten Onigiri (Reisbällchen)für die Arbeitenden vor. Diese Situation machte deutlich, dass älteren Menschen nicht nur Pflegebedarfe zugesprochen werden sollten. Je nach Kontext können sie selbst aktiv Verantwortung übernehmen und Fürsorge leisten. Solche Momente verdeutlichen, wie wichtig es ist, stereotype Vorstellungen über Fähigkeiten und Bedürfnisse im Alter kritisch zu hinterfragen.


Zur Autorin
Samira Hüsler ist Ethnologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ostschweizer Fachhochschule OST. Parallel dazu promoviert sie an der Universität Zürich in der Japanologie. Im Zentrum ihrer Doktorarbeit stehen Betreuungsinstitutionen in Japan und der Schweiz, die mit inklusiven oder generationenverbindenden Konzepten arbeiten.
Basierend auf mehreren teilnehmenden Beobachtungen untersucht sie, wie solche Ansätze im Alltag umgesetzt werden, welche Denkweisen und Leitideen sie prägen und welche Hinweise sich daraus für die Weiterentwicklung gemeinschaftlich orientierter Pflege- und Betreuungsmodelle ableiten lassen.